Bundestagsabgeordnete fühlen sich von Deutscher Bank belogen — und nehmen es mit den Fakten selbst nicht so genau

Ist Spekulation mit Nahrungsmitteln schädlich? Die Ökonomen sind zerstritten. Die einen sehen mehr Vorteile: Die Finanzhändler bringen Geld, sogenannte Liquidität, was die Preisverläufe glättet. Sie bieten Absicherung gegen Ernteausfälle, helfen also Bauern und armen Menschen, die den Großteil ihres Einkommens für Essen ausgeben. Die anderen sehen mehr Nachteile: Die Marktteilnehmer wollen ihre Gewinne maximieren und deswegen an Preisanstiegen mitverdienen. So könnten Lebensmittel für arme Menschen zu teuer werden. Die Spekulanten haben demnach Schuld am Hunger in der Welt.

Muss deswegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln eingedämmt oder abgeschafft werden? Im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Bundestags sagten Abgeordnete aller Fraktionen diese Woche: ja. Dort war der Co-Chef der Deutschen Bank zu Gast, Jürgen Fitschen.

So wichtig eine Debatte über Nahrungsmittelspekulation auch ist: Die Abgeordneten haben Fitschen teilweise problematische Vorwürfe gemacht.

Geheime Papiere?

Der Abgeordnete Thilo Hoppe, Sprecher der Grünen-Fraktion für Welternährung, schreibt in seiner Pressemitteilung (mittlerweile geändert, siehe Update*):

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hatte erst Ende Februar Dokumente der Forschungseinrichtung der Deutschen Bank an die Öffentlichkeit gebracht, demnach das Bankhaus selbst davon ausgeht, dass spekulative Kapitalströme gravierende Auswirkungen auf Bauern und Verbraucher haben können. Auf die wiederholte Frage, warum die Deutsche Bank diese Erkenntnisse unter Verschluss hielt und sogar vor dem Bundestag gegenteilige Aussagen machte, ging Fitschen nicht ein.

Foodwatch hatte in der Tat im Spiegel eine Vorabmeldung platziert: „Deutsche Bank warnte selbst vor Nahrungsmittelspekulationen“. Gemeint sind „interne“ Papiere der bank-eigenen Forschungsabteilung, Deutsche Bank Research. Dabei tragen die Dokumente im Dateinamen nicht den Vermerk „intern“, sondern „Internet“. Denn alle von Foodwatch aufgeführten Papiere (PDF-Liste von Foodwatch) sind schon immer online anrufbar gewesen. „Unter Verschluss“ klingt anrüchig, ist aber falsch. Auf der letzten Seite der Veröffentlichungen steht: „All our publications can be accessed, free of charge, on our website www.dbresearch.com. You can also register there to receive our publications regularly by e-mail, marketing.dbr@db.com.“

*Update, 12.30 Uhr: Hoppe hat mir geschrieben, dass dieser Kritikpunkt zurückgezogen werde, und das dies auch auf der Fraktionswebsite kommuniziert werden soll. Sobald online etwas erscheint, wird dieser Text aktualisiert.

Update, 16.30 Uhr: Der oben zitierte Absatz ist jetzt aus der Pressemitteilung verschwunden.

Interne Beweise?

Die öffentlichen Papiere beweisen zudem gar nicht, dass die Deutsche Bank intern Bedenken gegen die Nahrungsmittelspekulation hat. Die Papiere fassen den aktuellen Forschungsstand zusammen. Es handelt sich um sogenannte Meta-Studien, die ohne eigene Datenerhebung und Berechnungen auskommen.

Foodwatch zitiert etwa diesen Satz aus einem Veröffentlichung der Deutschen Bank: „Auch die Spekulation hat zu Preiserhöhungen beigetragen.“ Aber am Satzende steht eine eigentlich nicht zu übersehende Fußnote Nummer 83, die darauf verweist, dass der Satz andere Studien wiedergibt: „See for instance Miguel et al. (2009) and von Braun (2007).“ (PDF)

Foodwatch schreibt in einer Pressemitteilung:

DB Research warnt ausdrücklich und unmissverständlich vor den Konsequenzen: „Solche Spekulationen können für Landwirte und Verbraucher gravierende Folgen haben und sind im Prinzip nicht akzeptabel.“

Auch das referiert nur das Forschungsergebnis machner Volkswirte. Und das Zitat aus dem Papier (PDF) ist recht selektiv gewählt. Direkt der nächste Satz preist die Vorzüge der Nahrungsmittelspekulation: „All in all, it is important for the good functioning of the food chain that commodity derivatives keep serving their initial purpose of price discovery and hedging, to cope with price volatility.“

Bundestag angelogen?

Im Sommer war bereits der Chefvolkswirt der Deutschen Bank zu Gast im Bundestag, David Folkerts-Landau. Er hatte den Abgeordneten praktisch das gleiche gesagt wie Fitschen: Nahrungsmittelspekulationen seien nicht per se problematisch. „Es gibt kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung, dass die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten zu Preissteigerungen  oder erhöhter Volatilität geführt hat“, sagte er. Diese Aussage ist von den Meta-Studien durchaus gedeckt, wenn man sich nicht nur auf die Ausschnitte konzentriert, in denen die Deutsche Bank andere Forscher zitiert.

Foodwatch sagt trotzdem: „Dokumente der Abteilung DB Research zeigen, dass die Deutsche Bank den Deutschen Bundestag über ihre Erkenntnisse belogen hat.“ Der Abgeordnete Sascha Raabe (SPD) hat offenbar die Foodwatch-Liste mit den selektiven Zitaten gelesen. „Folkerts-Landau hat uns angelogen“, sagte er Spiegel-Online.

Foodwatchs Zitaten-Liste setzt Deutsche Bank trotzdem unter Druck

Nahrungsmittelspekulation ist ein emotionales Thema. Die Deutsche Bank ist trotz der aufgezeigten Ungereimtheiten in der Defensive. „Sogar die Entwicklungspolitiker der FDP klatschen Thilo Bode [von Foodwatch] Beifall im Streitgespräch mit Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank“, twitterte der Grüne MdB Hoppe.

Die Nachrichtenagentur dpa meldete nach dem Treffen mit Fitschen:

Foodwatch wirft der Deutschen Bank vor, den Ausschuss über seinen Spekulationen mit Nahrungsmitteln belogen zu haben. Im Juni 2012 soll der Chefvolkswirt der Bank vor den Parlamentariern erklärt haben, es gebe keinen Zusammenhang zwischen spekulativen Kapitalströmen und steigenden Lebensmittelpreisen. Interne Papiere der Deutschen Bank, die Foodwatch Ende Februar veröffentlichte, belegten nach Angaben der Verbraucherorganisation aber schon damals das Gegenteil.

Bei Spiegel-Online steht:

Vor drei Wochen tauchten aber interne Papiere der Rechercheabteilung der Deutschen Bank auf. Demnach sei es „nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Spekulation übermäßige Preisentwicklungen zumindest fördert“.

Dieses Zitat ist gar nicht von der Deutschen Bank, sondern stammt aus einem Papier der Allianz (PDF).

PS: „Ein gewisses Maß an Spekulation ist nützlich.“ Das ist übrigens ein (selektives) Zitat von Foodwatch.

PPS: Solange die Möglichkeit der Schäden durch Nahrungsmittelspekulation nicht eindeutig widerlegt ist, sagen Kritiker oft, ist sie zu riskant und muss gestoppt werden. Das lässt allerdings außer Acht, dass mögliche Vorteile für die Bauern und Verbraucher verloren gehen.

PPPS: Ich habe kein Konto bei der Deutschen Bank.

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