Einfach weg, einfach so

Barry Miller aus Cincinnati ist ein reicher Mann. Dann überfällt er eine Bank – ohne Grund. Nach der Tat kann sich der Millionär an nichts mehr erinnern. Eine Lesegeschichte. 

Barry

  Das alte Leben des Barry Miller endet mit einem Knall, als das Geld explodiert. Roter Rauch steigt auf. Bewaffnete Polizisten erreichen seinen Fluchtwagen. Miller geht zu Boden, die Handschellen klicken. Das Leben, es wird nie wieder das gleiche sein. Doch an den Moment, der alles verändert, an den erinnert sich Miller nicht. Sein Kopf ist leer. Er sitzt im Polizeiwagen und weiß nicht, warum er hier ist.

  Zurück lässt er ein Leben, das von außen so glücklich und erfolgreich aussah: Vor all dem war der 65-Jährige ein angesehener Manager in Cincinnati, Ohio. Er hatte Millionen verdient mit dem Verkauf eines Geschäfts für Frauenkleidung. Er zählte in der Stadt zur High Society, und er flog mit seiner Familie für 15.000 Dollar in den Urlaub. Doch der Schein trügte. Barry Miller war unglücklich in diesem Leben, er ertrug es einfach nicht.

  Also zerstört er es unbewusst selbst. In diesem Moment, der alles verändert – und von dem er nichts mehr weiß. Der alte Barry Miller ist nun Geschichte. Nach dem Schuldspruch wird er sagen: „Jetzt bin ich glücklicher.“

  Eine Nacht sitzt er hinter Gittern, dann kommt er frei, die Kaution beträgt 100.000 Dollar. Eine Woche später beginnt das Gerichtsverfahren, der Fall scheint klar: Er hat eine Bank überfallen, mit vorgehaltener Waffe. Die Polizei hat ihn noch auf der Flucht festgenommen. Ihm drohen bis zu 43 Jahre Haft, Ohio hat gerade erst die Gesetze verschärft.

  Das ist also der Moment gewesen, in dem er sein altes Leben in die Luft sprengte. Das ist also der Grund, warum er hier ist. Vor Gericht. Er erinnert sich an nichts mehr. Und plötzlich ist der Fall doch nicht mehr so klar.

  Die Geschworenen und der Richter müssen sich ein Bild davon machen, wie es zu all dem kommen konnte. Und so steht Millers altes Leben vor Gericht: Sein Aufstieg bis hin zu einem eigenen Laden in einem prunkvollen Haus. Den Verkauf des Geschäfts für viele Millionen Dollar. Und dann: sein Leben als Geschäftsführer einer großen Shopping Mall. Miller, der Modehändler, fliegt zweimal im Jahr nach Italien, nach Rom. Morgens hin, abends zurück. Er hat nie das Kolosseum besucht, nie den Petersdom gesehen. Er arbeitet.

  All das, es hat ihn reich gemacht – und doch unglücklich. Er entfremdet sich von seiner Familie. Wenn er mit seinem Sohn durch die Stadt fährt, haben sie keine gemeinsamen Themen. Also sprechen sie beim Blick durch die Windschutzscheibe über Autos. „Er interessiert sich für Autos“, denkt Miller. Sie fahren zum Händler, kaufen dem Jungen einen Wagen. Doch sein Sohn will gar kein Auto. 

  Miller wird sich selbst fremd. Er merkt es: Nichts stimmt mehr. Er kauft eine Pistole. Da er noch nie in seinem Leben abgedrückt hat, ballert er in einen Wald. Zum Üben. Er will wissen, was passiert, wenn er den Lauf an seinen Kopf drückt. 

  Dann kommt dieser Nachmittag in New York. Plötzlich wacht er im Empfangssaal eines Bürogebäudes auf und kann sich an nichts erinnern. Wo ist er? Was macht er hier? Miller weiß es nicht. Ihm dämmert, dass er auf Geschäftsreise ist, dass er dieses Gebäude vor kurzem betreten hat. Doch drei Stunden fehlen ihm. Für immer. 

  Die Black-outs nehmen zu. Und dann, dann kommt der Moment, in dem Barry Miller mit einer Waffe eine Bank betritt. 

  Es ist ein Montag im September 1996, an dem Miller zu einem Autoverleih fährt und einen Wagen mietet. Warum? Er weiß es nicht. Er hat schon einen, seine Frau auch. Ohne zu wissen warum kauft er anschließend eine Sturmmaske, wie sie Skifahrer tragen. Es sind 22 Grad, die Sonne scheint. 

  In einem klaren Augenblick wundert sich Miller kurz darüber, warum neben ihm im Auto eine neue Sturmmaske liegt. Doch dann verschwindet schon wieder alles im Unbewussten. Er erinnert sich nicht daran, was er am nächsten Morgen tut. Da packt er seine Pistole und eine Schachtel mit Patronen in seine Aktentasche. Fährt zu einer Filiale der Amerifirst Bank. Er zieht seine Sturmmaske über, geht in die Bank und sagt zu der Kassiererin: „Her mit dem ganzen Geld, alles her.“ Er nimmt 8000 Dollar. Zu diesem Zeitpunkt verdient Miller ein sechsstelliges Jahreseinkommen als Geschäftsführer. 

  Er rennt zu dem Wagen, die Sturmmaske noch auf dem Kopf, die Waffe in der Hand. Dann explodiert die rote Farbbombe, die zwischen dem Geld steckt. Die Scheine sind unbrauchbar. Roter Rauch steigt auf. Bewaffnete Polizisten erreichen seinen Wagen. Miller geht zu Boden, die Handschellen klicken. Das Leben, es wird nie wieder das gleiche sein.

  Ein armer reicher Mann mit Burn-out, depressiv, unzurechnungsfähig. Nicht jeder in Cincinnati glaubt das, was Miller da vor Gericht erzählt. Tatsächlich hat er vier Wochen vor dem Überfall einen kurz laufenden Kredit aufgenommen, 25.000 Dollar. In zwei Monaten sollte er ihn zurückzahlen. Hatte er doch vielleicht Geldprobleme? Es wird sich nie klären.

  Das Gericht entscheidet: Miller hat die Tat begangen, und er ist zurechnungsfähig. Doch das Urteil fällt milde aus. Nur sechs Jahre schickt ihn der Richter ins Gefängnis. Nicht die 43 Jahre, die in Ohio eigentlich auf seine Tat stehen. Bei der Verkündung sagt der Richter, Miller sehe aus wie ein gebrochener Mensch.

  „Ich habe diese frühere Person getötet“, sagt Miller, als er im Gefängnis sitzt. „Jetzt kann ich eine neue Person erschaffen, mit mehr Mitgefühl.“ Seine Familie verstößt ihn. „Aber ich bin glücklicher, als ich es je war.“ 

  Nach nur drei Jahren kommt er frei, wegen guter Führung. Er ist 69 Jahre alt. Miller zieht nach Florida. Und ein neues Leben beginnt.

 

Erschienen am Wochenende in der Süddeutschen Zeitung, 2. Juni 2012.

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