Medienwandel f??r Leute, die nicht was mit Medien machen

Print_ist_tot

 

Durch die Medien redet eine Gesellschaft mit sich selbst. Deswegen geht der digitale Medienwandel alle an.

Am Samstag spreche ich zehn Minuten über den Medienwandel vor jungen Menschen, die keine angehenden Journalisten sind, sondern angehende Juristen, Mediziner, Ingenieure. Ich habe deswegen versucht, sechs allgemeine Beobachtungen zum Medienwandel im digitalen Zeitalter zu sammeln.

 

Die Ausgangslage

Print stirbt. Tageszeitungen verlieren jährlich Auflage und Anzeigen. Ihr Geschäftsmodell ist am Ende. Der Kostendruck ist enorm. Erst vor kurzem hat die erste Tageszeitung der Bundesrepublik, die 65-jährige Aachener Zeitung, ihre Redaktionsorganisation auf den stressigeren Newsdesk-Modus umgestellt. Langfristig wird wohl kaum eine Tageszeitung überleben, vielleicht eine Handvoll überregionaler Prestige-Blätter. Doch der Medienwandel bedeutet noch mehr.

 

1. Brecht hat Recht.

Jeder ist ein Sender. Täglich entstehen tausende neue Blogs, die Zahl der Facebook-Nutzer steigt, wo jeder seinen Freunden mitteilen kann, was ihm wichtig ist. Bertolt Brechts Radiotheorie wird Wirklichkeit, jeder ist Sender und Empfänger von Informationen.

Früher war das anders: Nur ein Verlag konnte eine Zeitung starten. Die Fixkosten waren immens, für Druckmaschinen, Papier, Vertrieb, Redakteure, Setzer, Verwalter.

Heute gibt es kaum noch Fixkosten. Jeder könnte sofort den etablierten Verlagen Konkurrenz machen, einen Blog registrieren, fertig. Die Produktionshardware bezahlt nämlich nun der Konsument, indem er einen Laptop kauft. Und manchmal freut sich der Konsument sogar, dass er das muss – ich sage nur iPhone.

Aber nicht jeder Sender wird empfangen.

Nochmal Brecht: „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.“

Profaner gesagt: „Blogs sind die Klowände des Internets.“ Doch das muss nicht sein.

 

2. Es ist Platz für Profi-Content.

Und nun etwas Weihrauch für die Journalisten (und eine innere Rechtfertigung für meine Berufswahl).

Im Internet kann guter Journalismus entstehen, wie potentiell auf der Klowand auch, wenn sich jemand mühevoll mit dem Edding eine gute Reportage kritzeln würde. Nur ist das Internet ein viel geeigneteres Medium als die Klowand, Stichwort Fixkosten und Reichweite.

Doch eines müssen Journalisten nicht mehr sein: pure Nachrichtenquellen. Früher schickten Nachrichtenagenturen Journalisten zu jedem Termin des Kanzlers, zu jedem Autobahn-Band-Zerschneiden in der Provinz – falls er erschossen worden wäre, wären sie dann die ersten mit den News gewesen. Das Internet als soziales Netzwerk, genauer: Twitter ist schneller. Beispiel Absturz in den Hudson River, New York, 2009.

Würde die Kanzlerin also erschossen, bräuchte niemand Journalisten, die uns das sagen. Aber um schnell einzuschätzen, was das für die Zukunft des Landes hieße, das steht nicht in 140 Zeichen. Wikipedia erklärt zwar, wer der protokollarische Nachfolger wäre. Doch um die Lage umfassend zu analysieren braucht es Kenner der Berliner Szene. Journalisten. Oder wie die Marketing-Leute sagen: Profi-Content.

 

3. The Revolution will not be googlized.

Reißerische Überschrift, simple Begründung: Die Googlization des Internets ist nämlich schon durch, der Cookie ist gewissermaßen gegessen. Kostenlose Inhalte, durch Werbung finanziert – das ist Google, das ist für die meisten die Definition des Internets. Und die Wirklichkeit formt sich schon nach Googles Bilde: Wenn ich die Öffnungszeiten vom Bäcker gegenüber wissen will und sie nicht bei Google stehen – dann gehe ich zum Bäcker um die Ecke, wenn seine Zeiten drinstehen.

Analoges gilt für Medieninhalte. Googlization ist die Mindestanforderung, die – anderes Thema – nicht immer erfüllt wird.

Jetzt kommt Apple. Mit iPhone und iPad gibt es attraktive Geräte, die nur mit Inhalten aus dem iTunes-Store gefüllt werden können, sogenannten Apps. Das ist eine Chance für professionellen Vertrieb und Profi-Content (Stichwort Fixkosten und Reichweite).

Der Kampf dieser beiden Modelle ist die kommende Revolution. Free Content, anzeigenbasiert vs. Paid Content, Online-Abos, Bezahlmodelle, Paywall.

 

4. Soziale Medien sind Gatekeepter.

Das Internet hat eine Macke ins Berufsbild Journalist geschlagen: Die Gatekeeper-Funktion ging teilweise verloren. Früher entschieden allein Journalisten, was wichtig genug war, um auf Seite Eins zu landen. So konnten sie den Talk of the Town bestimmen.

Heute übernehmen soziale Medien diese Funktion. Wenn mir ein Artikel über Facebook oder Twitter empfohlen wird, lese ich ihn wahrscheinlicher. Wird ein Artikel mir zweimal empfohlen, lese ich ihn auf jeden Fall.

Holger Schmidt, Netzwirtschaft-Journalist der FAZ, hat kürzlich gesagt, dass seine einzige Informationsquelle Twitter sei.

Im Internet wird quasi nur gefunden, was auf der ersten Google-Seite steht. Ein guter Page Rank entsteht vor allem, wenn andere relevante Seiten auf einen verlinken. Die vom Internet nennen das Google Juice. Prost.

 

5. Der Helikopter-Journalismus stürzt ab.

Schnell den Artikel abwerfen und weiterfliegen – das funktioniert nicht mehr, hat ein Wirtschaftswoche-Redakteur treffend formuliert. Jeder Blog-Eintrag, sogar ein einziger 140-Zeichen-Tweet kann ausreichen, die Fehler etablierter Journalisten öffentlich und sie damit lächerlich zu machen. Letztens geschehen beim Express in Köln.

Wer sich dagegen auf den Dialog mit den Lesern einlässt, der online viel leichter möglich ist als bei print, der kann gewinnen. Der Idealfall läuft so: Ein Student wird aus einem Berliner Strandbad geworfen, schrieb ich, weil er ein T-Shirt von den Ärzten trug. „Scheint die Sonne auch für Nazis, wenn’s nach mir geht, tut sie’s nicht“, diese Liedzeile fand der Strandbadbetreiber „linksextrem“ und einen Verweis wert. Ein Kommentator unter dem Artikel wies mich dann darauf hin, dass ein Angestellter Thor-Steinar-Klamotten trage, eine in der rechtsextremen Szene beliebte Marke. Dieser Kommentar war der Anlass für eine weitergehende Recherche: Ist in dem Strandbad nur linksschwimmen verboten?

Journalismus kann durch Leseranregungen besser werden.

 

6. Online kann man Geld verdienen.

Der Verleger Hubert Burda beklagte vor einem Jahr, im Internet verdiene er nur „lousy pennies“. Nunja, sein Problem. Thomas Knüwer, Blogger und offiziell Ex-Journalist hat nachgeguckt: Spiegel.de macht Gewinn; das war bekannt. Aber auch sueddeutsche.de, das Portal der Rheinischen Post und weitere. Die Zahlen sind zwar aus 2007, aber die Recherche war trotzdem gut: Knüwer hat einfach beim elektronischen Bundesanzeiger nachgeguckt. Diese Seite ist nicht hipp, aber hilfreich.

Das ist der gute handwerkliche Journalismus, der jeden Medienwandel überlebt.

 

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