Wie findet man in wenigen Minuten die privaten Hilfsspione der NSA in Deutschland?

Bastian Brinkmann Zündfunk Netzkongress Foto von Matthias Kestel

Ich durfte auf dem Zündfunk-Netzkongress des Bayerischen Rundfunks über investigativen Datenjournalismus sprechen. Für die SZ-NDR-Serie „Geheimer Krieg“ hatte ich 2013 recherchiert, welche privaten Firmen für die NSA arbeiten. Dazu habe ich systematisch eine offizielle US-Vergabedatenbank ausgelesen und mit Excel ausgewertet. Eine Kurz-Dokumentation steht hier.

Bastian Brinkmann Zündfunk Netzkongress Foto von Matthias Kestel

Fotos von Matthias Kestel

Wer sich das 45 Minuten lang im Video anschauen will: bitte sehr.

 

PS: Ab Minute 9 merke ich langsam, dass die Vergabedatenbank ausgerechnet dann wegen Wartungsarbeiten offline ist, als ich für den Vortrag auf der Bühne stehe. Danke an den Hinweis aus dem Publikum. Ich fluche ein wenig und es geht einfach anders weiter. Großer Spaß.

Jetzt im Handel: das Buch ‘Die geprellte Gesellschaft’

Die geprellte Gesellschaft Buch Steuerflucht  Cover

Mein Buch ist auf dem Markt. Es gibt erste Leserrezensionen auf Amazon. Besonders gefällt mir:

„Bastian Brinkmann beweist mir, es gibt doch ein Buch über Steuern und es liest sich nicht mal staubtrocken. Wer hätte das gedacht?“ (von  Happyx)

„Nicht mal staubtrocken“ — das ist offensichtlich als Lob gemeint, der Leser vergibt vier Sterne. Auch andere äußern sich positiv:

„Dieses Buch bietet einen hervorragenden Überblick in vier Kapiteln (Die Reichen, Die Konzerne, Die Steueroasen, Die Politik), um dann in Kapitel 5 gegenzusteuern, also Möglichkeiten aufzuzeigen, mit denen mehr Steuergerechtigkeit geschaffen werden kann.“ (von Christian Döring)

Hier geht’s zu Amazon.

Hier geht’s zum lokalen Buchhändler.

Das Buch gibt’s auch als E-Book.

Hier verlinkt der Verlag weitere Online-Shops.

Man kann das Buch auch auf Facebook liken.

Updates zum Thema Steuerflucht gibt’s in meinem Blog.

„Die geprellte Gesellschaft“: Buch über Steuergerechtigkeit erscheint im September

Die geprellte Gesellschaft Bastian Brinkmann DVA

Ein wenig Eigenwerbung: Ich habe ein Buch geschrieben. Es heißt „Die geprellte Gesellschaft“ und erscheint am 8. September im Verlag DVA. Hier die Info-Seite des Verlags, hier der Link zu Amazon*.

Aus der Verlagsankündigung:

Google, Apple, Hoeness & Co. – Wie Steuerflucht unsere Gesellschaft untergräbt

Mit schöner Regelmäßigkeit werden prominente Steuersünder enttarnt. Doch diese Fälle sind harmlos im Vergleich zum Verhalten von Konzernen wie Google, Amazon & Co., die Steueroasen in der Schweiz oder der Karibik nutzen, während in den Ländern, in denen sie ihre Umsätze erwirtschaften, das Geld für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur fehlt. Die sogenannte Steuergestaltung ist ein Millionenspiel, das sehr wenige reich macht – und den großen Rest ärmer. Damit muss Schluss sein, meint Bastian Brinkmann. In seinem Buch enthüllt der Wirtschaftsjournalist die Tricks der Reichen und Konzerne und zeigt auf, warum der Staat nicht länger tatenlos zuschauen darf, wie er um sein Geld geprellt wird. Denn, so Brinkmann, schwerer als der finanzielle Schaden wiegen die ideellen Kosten: Massenhafte Steuerflucht stellt das Fundament unserer Gesellschaft in Frage.

Ich notierte Nachrichten und Notizen zum Thema Steuerflucht in einem Blog. Meistgelesen bisher war übrigens der Eintrag „Liebe Medien, Google plant keine Einkaufstour mit 30 Milliarden Dollar“.

Man kann die Blog-Einträge auch abonnieren: per E-Mail (höchstens eine E-Mail täglich, Versand morgens früh via Feedburner) und per RSS. Das Buch hat eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account (@Steuerflucht), wo ebenfalls auf den Blog verwiesen wird.

* Ja, es geht in dem Buch auch um Amazon.

Wegen Facebook/Whatsapp ein Blick ins Archiv auf Google/Youtube 2006

„Bei einem Unternehmen wie YouTube, das überhaupt keinen auch nur annähernd schätzbaren Wert hat, fällt es viel leichter, einen x-beliebigen Fantasiepreis aus dem Hut zu ziehen. Und wenn die Blase das komplette Gehirn verdrängt hat, wird der sogar bezahlt.“
Die Welt

„Eine Art Kapitulation von Google“
FAZ

Google könnte im schlimmsten Fall „durch die Übernahme einer anderen Garagenfirma in existenzielle Not geraten.“
Die Zeit

„Die Internet-Branche steht Kopf, und nur vereinzelt wird jener auch geschüttelt.“
Die Welt

„Das Unternehmen produziert nichts, macht keinen Gewinn, ist gerade ein paar Monate alt. Und Google bezahlt dafür 1,65 Milliarden Dollar. Warum bloß?“
FAZ

„Eine Mega-Portion heiße Luft.“
Die Welt

„Youtube hat ein großes Problem: Youtube ist kostenlos. Wer sich in dem Videoportal als Nutzer registriert und Filme hochlädt, muß dafür keinen Cent bezahlen. Wie verdient das Unternehmen also Geld? Die traurige Wahrheit bislang: Offensichtlich verdient das Unternehmen kein Geld. Aber für einen dauerhaften Verlustbringer legt niemand 1,65 Milliarden Dollar auf den Tisch.“
FAZ

(Ich will nur dokumentieren; ich will nicht sagen, dass ein Preis von 19 Milliarden Dollar für Whatsapp ohne Einschränkungen klug ist oder dass solche Übernahmen per se den Nutzern nützen. Wobei der hohe Preis wohl auch am Spiel von Angebot und Nachfrage liegt. Facebook und offenbar Google wollten kaufen. Es gibt also nur ein Whatsapp und zwei potente Nachfrager — das treibt Preise.)

Bundestagsabgeordnete fühlen sich von Deutscher Bank belogen — und nehmen es mit den Fakten selbst nicht so genau

Ist Spekulation mit Nahrungsmitteln schädlich? Die Ökonomen sind zerstritten. Die einen sehen mehr Vorteile: Die Finanzhändler bringen Geld, sogenannte Liquidität, was die Preisverläufe glättet. Sie bieten Absicherung gegen Ernteausfälle, helfen also Bauern und armen Menschen, die den Großteil ihres Einkommens für Essen ausgeben. Die anderen sehen mehr Nachteile: Die Marktteilnehmer wollen ihre Gewinne maximieren und deswegen an Preisanstiegen mitverdienen. So könnten Lebensmittel für arme Menschen zu teuer werden. Die Spekulanten haben demnach Schuld am Hunger in der Welt.

Muss deswegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln eingedämmt oder abgeschafft werden? Im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Bundestags sagten Abgeordnete aller Fraktionen diese Woche: ja. Dort war der Co-Chef der Deutschen Bank zu Gast, Jürgen Fitschen.

So wichtig eine Debatte über Nahrungsmittelspekulation auch ist: Die Abgeordneten haben Fitschen teilweise problematische Vorwürfe gemacht.

Geheime Papiere?

Der Abgeordnete Thilo Hoppe, Sprecher der Grünen-Fraktion für Welternährung, schreibt in seiner Pressemitteilung (mittlerweile geändert, siehe Update*):

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hatte erst Ende Februar Dokumente der Forschungseinrichtung der Deutschen Bank an die Öffentlichkeit gebracht, demnach das Bankhaus selbst davon ausgeht, dass spekulative Kapitalströme gravierende Auswirkungen auf Bauern und Verbraucher haben können. Auf die wiederholte Frage, warum die Deutsche Bank diese Erkenntnisse unter Verschluss hielt und sogar vor dem Bundestag gegenteilige Aussagen machte, ging Fitschen nicht ein.

Foodwatch hatte in der Tat im Spiegel eine Vorabmeldung platziert: „Deutsche Bank warnte selbst vor Nahrungsmittelspekulationen“. Gemeint sind „interne“ Papiere der bank-eigenen Forschungsabteilung, Deutsche Bank Research. Dabei tragen die Dokumente im Dateinamen nicht den Vermerk „intern“, sondern „Internet“. Denn alle von Foodwatch aufgeführten Papiere (PDF-Liste von Foodwatch) sind schon immer online anrufbar gewesen. „Unter Verschluss“ klingt anrüchig, ist aber falsch. Auf der letzten Seite der Veröffentlichungen steht: „All our publications can be accessed, free of charge, on our website www.dbresearch.com. You can also register there to receive our publications regularly by e-mail, marketing.dbr@db.com.“

*Update, 12.30 Uhr: Hoppe hat mir geschrieben, dass dieser Kritikpunkt zurückgezogen werde, und das dies auch auf der Fraktionswebsite kommuniziert werden soll. Sobald online etwas erscheint, wird dieser Text aktualisiert.

Update, 16.30 Uhr: Der oben zitierte Absatz ist jetzt aus der Pressemitteilung verschwunden.

Interne Beweise?

Die öffentlichen Papiere beweisen zudem gar nicht, dass die Deutsche Bank intern Bedenken gegen die Nahrungsmittelspekulation hat. Die Papiere fassen den aktuellen Forschungsstand zusammen. Es handelt sich um sogenannte Meta-Studien, die ohne eigene Datenerhebung und Berechnungen auskommen.

Foodwatch zitiert etwa diesen Satz aus einem Veröffentlichung der Deutschen Bank: „Auch die Spekulation hat zu Preiserhöhungen beigetragen.“ Aber am Satzende steht eine eigentlich nicht zu übersehende Fußnote Nummer 83, die darauf verweist, dass der Satz andere Studien wiedergibt: „See for instance Miguel et al. (2009) and von Braun (2007).“ (PDF)

Foodwatch schreibt in einer Pressemitteilung:

DB Research warnt ausdrücklich und unmissverständlich vor den Konsequenzen: „Solche Spekulationen können für Landwirte und Verbraucher gravierende Folgen haben und sind im Prinzip nicht akzeptabel.“

Auch das referiert nur das Forschungsergebnis machner Volkswirte. Und das Zitat aus dem Papier (PDF) ist recht selektiv gewählt. Direkt der nächste Satz preist die Vorzüge der Nahrungsmittelspekulation: „All in all, it is important for the good functioning of the food chain that commodity derivatives keep serving their initial purpose of price discovery and hedging, to cope with price volatility.“

Bundestag angelogen?

Im Sommer war bereits der Chefvolkswirt der Deutschen Bank zu Gast im Bundestag, David Folkerts-Landau. Er hatte den Abgeordneten praktisch das gleiche gesagt wie Fitschen: Nahrungsmittelspekulationen seien nicht per se problematisch. „Es gibt kaum stichhaltige empirische Belege für die Behauptung, dass die zunehmende Bedeutung von Agrarfinanzprodukten zu Preissteigerungen  oder erhöhter Volatilität geführt hat“, sagte er. Diese Aussage ist von den Meta-Studien durchaus gedeckt, wenn man sich nicht nur auf die Ausschnitte konzentriert, in denen die Deutsche Bank andere Forscher zitiert.

Foodwatch sagt trotzdem: „Dokumente der Abteilung DB Research zeigen, dass die Deutsche Bank den Deutschen Bundestag über ihre Erkenntnisse belogen hat.“ Der Abgeordnete Sascha Raabe (SPD) hat offenbar die Foodwatch-Liste mit den selektiven Zitaten gelesen. „Folkerts-Landau hat uns angelogen“, sagte er Spiegel-Online.

Foodwatchs Zitaten-Liste setzt Deutsche Bank trotzdem unter Druck

Nahrungsmittelspekulation ist ein emotionales Thema. Die Deutsche Bank ist trotz der aufgezeigten Ungereimtheiten in der Defensive. „Sogar die Entwicklungspolitiker der FDP klatschen Thilo Bode [von Foodwatch] Beifall im Streitgespräch mit Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank“, twitterte der Grüne MdB Hoppe.

Die Nachrichtenagentur dpa meldete nach dem Treffen mit Fitschen:

Foodwatch wirft der Deutschen Bank vor, den Ausschuss über seinen Spekulationen mit Nahrungsmitteln belogen zu haben. Im Juni 2012 soll der Chefvolkswirt der Bank vor den Parlamentariern erklärt haben, es gebe keinen Zusammenhang zwischen spekulativen Kapitalströmen und steigenden Lebensmittelpreisen. Interne Papiere der Deutschen Bank, die Foodwatch Ende Februar veröffentlichte, belegten nach Angaben der Verbraucherorganisation aber schon damals das Gegenteil.

Bei Spiegel-Online steht:

Vor drei Wochen tauchten aber interne Papiere der Rechercheabteilung der Deutschen Bank auf. Demnach sei es „nicht ganz von der Hand zu weisen, dass die Spekulation übermäßige Preisentwicklungen zumindest fördert“.

Dieses Zitat ist gar nicht von der Deutschen Bank, sondern stammt aus einem Papier der Allianz (PDF).

PS: „Ein gewisses Maß an Spekulation ist nützlich.“ Das ist übrigens ein (selektives) Zitat von Foodwatch.

PPS: Solange die Möglichkeit der Schäden durch Nahrungsmittelspekulation nicht eindeutig widerlegt ist, sagen Kritiker oft, ist sie zu riskant und muss gestoppt werden. Das lässt allerdings außer Acht, dass mögliche Vorteile für die Bauern und Verbraucher verloren gehen.

PPPS: Ich habe kein Konto bei der Deutschen Bank.

Top-Fragen, meine Antworten

Ich durfte/musste für das Medium Magazin einen Fragebogen ausfüllen, für die „Top 30 unter 30“-Serie des Branchenhefts. Auf der Liste sind auch mehre andere nette Leute, go check them out here. Nachfolgend meine Antworten dokumentiert.

 

Stationen:

Seit Januar 2012 Redakteur Süddeutsche.de. Plane die Wirtschaftsberichterstattung und halte die Fäden zur Zeitung. Davor Kölner Journalistenschule (leider nicht ganz fertig bekommen wegen des Jobs) und Studium an der Kölner Uni (noch in Arbeit), Bachelor Volkswirtschaft und Politik, Auslandssemester in Südkorea.

Welche Geschichte ist Ihnen besonders gelungen, auf welche sind Sie besonders stolz?
Vor den Wahlen in Griechenland haben wir über die SZ-Accounts bei Facebook und Twitter Menschen in Griechenland gesucht, um die Krise abseits von kalten Wirtschaftsdaten erzählen zu können — aus der Perspektive von Freunden oder Freundesfreunden der SZ. Mit zwei Kollegen habe ich dann eine Serie mit Interviews, Protokollen und Porträts produziert, die in der Zeitung und online hübsch liefen (www.sueddeutsche.de/thema/Geschichten_aus_Griechenland).

Was planen Sie als nächstes?
Das Internet leer lesen. Und nebenbei darüber nachdenken, was der Journalismus von Google, Wikipedia und Reddit lernen kann.

Wie würden Sie gerne in zehn Jahren arbeiten?
Dann sind fast alle Bücher und Archive digitalisiert und durchsuchbar, Statistiken und Behördendaten sind maschinenlesbar und so leichter und schneller zu nutzen.

Welcher gute Rat hat Ihnen in ihrer Laufbahn besonders weitergeholfen?
Journalismus ist ein Handwerk, habe ich auf meiner Journalistenschule gelernt. Üben hilft, viel üben hilft viel. Außerdem: Möglichst lebensnah schreiben, sich nicht hinter News-Sprech verstecken.

Welcher Kollege hat Ihnen auf dem Weg besonders geholfen, wer hat Sie besonders unterstützt – und wie?
Manchmal wundere ich mich, dass Stefan Plöchinger (Chefredakteur Süddeutsche.de) und Lutz Knappmann (Vizechefredakteur) einem 23-Jährigen den Job gegeben haben. Aber solange sie sich nicht wundern, ist alles gut.

Warum tun Sie eigentlich, was Sie tun?
In den Medien redet eine Gesellschaft mit sich selbst. Journalisten haben den Job, den gesellschaftlichen Diskurs zu unterstützen.

 

Einfach weg, einfach so

Barry Miller aus Cincinnati ist ein reicher Mann. Dann überfällt er eine Bank – ohne Grund. Nach der Tat kann sich der Millionär an nichts mehr erinnern. Eine Lesegeschichte. 

Barry

  Das alte Leben des Barry Miller endet mit einem Knall, als das Geld explodiert. Roter Rauch steigt auf. Bewaffnete Polizisten erreichen seinen Fluchtwagen. Miller geht zu Boden, die Handschellen klicken. Das Leben, es wird nie wieder das gleiche sein. Doch an den Moment, der alles verändert, an den erinnert sich Miller nicht. Sein Kopf ist leer. Er sitzt im Polizeiwagen und weiß nicht, warum er hier ist.

  Zurück lässt er ein Leben, das von außen so glücklich und erfolgreich aussah: Vor all dem war der 65-Jährige ein angesehener Manager in Cincinnati, Ohio. Er hatte Millionen verdient mit dem Verkauf eines Geschäfts für Frauenkleidung. Er zählte in der Stadt zur High Society, und er flog mit seiner Familie für 15.000 Dollar in den Urlaub. Doch der Schein trügte. Barry Miller war unglücklich in diesem Leben, er ertrug es einfach nicht.

  Also zerstört er es unbewusst selbst. In diesem Moment, der alles verändert – und von dem er nichts mehr weiß. Der alte Barry Miller ist nun Geschichte. Nach dem Schuldspruch wird er sagen: „Jetzt bin ich glücklicher.“

  Eine Nacht sitzt er hinter Gittern, dann kommt er frei, die Kaution beträgt 100.000 Dollar. Eine Woche später beginnt das Gerichtsverfahren, der Fall scheint klar: Er hat eine Bank überfallen, mit vorgehaltener Waffe. Die Polizei hat ihn noch auf der Flucht festgenommen. Ihm drohen bis zu 43 Jahre Haft, Ohio hat gerade erst die Gesetze verschärft.

  Das ist also der Moment gewesen, in dem er sein altes Leben in die Luft sprengte. Das ist also der Grund, warum er hier ist. Vor Gericht. Er erinnert sich an nichts mehr. Und plötzlich ist der Fall doch nicht mehr so klar.

  Die Geschworenen und der Richter müssen sich ein Bild davon machen, wie es zu all dem kommen konnte. Und so steht Millers altes Leben vor Gericht: Sein Aufstieg bis hin zu einem eigenen Laden in einem prunkvollen Haus. Den Verkauf des Geschäfts für viele Millionen Dollar. Und dann: sein Leben als Geschäftsführer einer großen Shopping Mall. Miller, der Modehändler, fliegt zweimal im Jahr nach Italien, nach Rom. Morgens hin, abends zurück. Er hat nie das Kolosseum besucht, nie den Petersdom gesehen. Er arbeitet.

  All das, es hat ihn reich gemacht – und doch unglücklich. Er entfremdet sich von seiner Familie. Wenn er mit seinem Sohn durch die Stadt fährt, haben sie keine gemeinsamen Themen. Also sprechen sie beim Blick durch die Windschutzscheibe über Autos. „Er interessiert sich für Autos“, denkt Miller. Sie fahren zum Händler, kaufen dem Jungen einen Wagen. Doch sein Sohn will gar kein Auto. 

  Miller wird sich selbst fremd. Er merkt es: Nichts stimmt mehr. Er kauft eine Pistole. Da er noch nie in seinem Leben abgedrückt hat, ballert er in einen Wald. Zum Üben. Er will wissen, was passiert, wenn er den Lauf an seinen Kopf drückt. 

  Dann kommt dieser Nachmittag in New York. Plötzlich wacht er im Empfangssaal eines Bürogebäudes auf und kann sich an nichts erinnern. Wo ist er? Was macht er hier? Miller weiß es nicht. Ihm dämmert, dass er auf Geschäftsreise ist, dass er dieses Gebäude vor kurzem betreten hat. Doch drei Stunden fehlen ihm. Für immer. 

  Die Black-outs nehmen zu. Und dann, dann kommt der Moment, in dem Barry Miller mit einer Waffe eine Bank betritt. 

  Es ist ein Montag im September 1996, an dem Miller zu einem Autoverleih fährt und einen Wagen mietet. Warum? Er weiß es nicht. Er hat schon einen, seine Frau auch. Ohne zu wissen warum kauft er anschließend eine Sturmmaske, wie sie Skifahrer tragen. Es sind 22 Grad, die Sonne scheint. 

  In einem klaren Augenblick wundert sich Miller kurz darüber, warum neben ihm im Auto eine neue Sturmmaske liegt. Doch dann verschwindet schon wieder alles im Unbewussten. Er erinnert sich nicht daran, was er am nächsten Morgen tut. Da packt er seine Pistole und eine Schachtel mit Patronen in seine Aktentasche. Fährt zu einer Filiale der Amerifirst Bank. Er zieht seine Sturmmaske über, geht in die Bank und sagt zu der Kassiererin: „Her mit dem ganzen Geld, alles her.“ Er nimmt 8000 Dollar. Zu diesem Zeitpunkt verdient Miller ein sechsstelliges Jahreseinkommen als Geschäftsführer. 

  Er rennt zu dem Wagen, die Sturmmaske noch auf dem Kopf, die Waffe in der Hand. Dann explodiert die rote Farbbombe, die zwischen dem Geld steckt. Die Scheine sind unbrauchbar. Roter Rauch steigt auf. Bewaffnete Polizisten erreichen seinen Wagen. Miller geht zu Boden, die Handschellen klicken. Das Leben, es wird nie wieder das gleiche sein.

  Ein armer reicher Mann mit Burn-out, depressiv, unzurechnungsfähig. Nicht jeder in Cincinnati glaubt das, was Miller da vor Gericht erzählt. Tatsächlich hat er vier Wochen vor dem Überfall einen kurz laufenden Kredit aufgenommen, 25.000 Dollar. In zwei Monaten sollte er ihn zurückzahlen. Hatte er doch vielleicht Geldprobleme? Es wird sich nie klären.

  Das Gericht entscheidet: Miller hat die Tat begangen, und er ist zurechnungsfähig. Doch das Urteil fällt milde aus. Nur sechs Jahre schickt ihn der Richter ins Gefängnis. Nicht die 43 Jahre, die in Ohio eigentlich auf seine Tat stehen. Bei der Verkündung sagt der Richter, Miller sehe aus wie ein gebrochener Mensch.

  „Ich habe diese frühere Person getötet“, sagt Miller, als er im Gefängnis sitzt. „Jetzt kann ich eine neue Person erschaffen, mit mehr Mitgefühl.“ Seine Familie verstößt ihn. „Aber ich bin glücklicher, als ich es je war.“ 

  Nach nur drei Jahren kommt er frei, wegen guter Führung. Er ist 69 Jahre alt. Miller zieht nach Florida. Und ein neues Leben beginnt.

 

Erschienen am Wochenende in der Süddeutschen Zeitung, 2. Juni 2012.